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Di, 12.02.2002

Heute gehen wir am späten Vormittag auf den „Fake Market“ in Shanghai. Wie der Name schon sagt, werden hier ausschließlich Plagiate verkauft. Die Chinesen sind im Kopieren noch besser als die Osteuropäer oder die Türken. Die kopieren alles! In China werden nicht nur Konsumgüter nachgemacht sondern auch mechanische und elektrische Bauteile und ganze Industriegüter. Die Krönung des ganzen ist, dass hier nachgebaute Audi 100 rumfahren. Kein Scherz! Audi hat mit diesem Modell das gleiche Problem wie viele andere westliche Investoren, die ihre Güter auch in China produzieren. Durch den Technologietransfer können sich die Chinesen den Produktionsprozess genau anschauen und anschließend kopieren. Es wird hier erzählt, dass bei manchen westlichen Firmen in der Nachtschicht, wenn nur Chinesen im Werk sind, die Plagiate sogar auf den Originalmaschinen produziert werden! Ob das stimmt, kann ich aber nicht beurteilen. Die nachgebauten Audis sollen übrigens bis auf den Motor genauso gut sein wie die Originale. Das soll daran liegen, dass die Motoren das einzige waren, was Audi aus Deutschland hat liefern lassen. Deswegen wussten die Chinesen nicht genau, wie der Produktionsprozess abläuft, und konnten den Motor deswegen nicht so gut kopieren. Hoffentlich kommen die nicht irgendwann auf die Idee, ein Atomkraftwerk nachzubauen.
Zurück zum Fake Market.
Hier gibt es keine Audis sondern nur Konsumgüter zu kaufen, d.h. vor allem Textilien, CDs, DVDs und Uhren, aber auch teure Kugelschreiber, wie z.B. MontBlanc „Meisterstück“, u.v.m. Da Ender und ich vor allem auf der Suche nach Armbanduhren sind, halten wir uns an diesem Morgen vor allem an die Händler, die in jeweils in mehreren Aktenkoffern Plagiate von Armbanduhren aller führenden Hersteller haben: Rolex, Breitling, Omega, IWC, Rado, Tag Heuer, etc.
Der erste Händler hat gleich eine Tag Heuer in einer super Qualität anzubieten. Komischerweise ist das die einzige Uhr, bei der er kaum von seinem Preis runter geht (normalerweise sollte man sie mindestens auf die Hälfte runterhandeln, einige sogar noch niedriger) und 150 DM sind mir für ein Plagiat dann doch ein bisschen viel, auch wenn sie wirklich täuschend echt aussieht. Wahrscheinlich lege ich mich aber genau aus diesem Grund zu sehr auf Tag Heuer fest und verpasse dadurch die Gelegenheit, mir von Ender eine schöne Breitling für 45,- DM besorgen zu lassen. Da Ender hier Chinesisch studiert hat und deswegen hervorragend auf Chinesisch feilschen kann, bekommt er aus den Händlern viel bessere Preise raus als ein beliebiger Ausländer. Wenn ich in den nächsten Wochen also nochmal alleine auf den Fake Market fahre, um mir dann letztendlich das gleiche Modell zu kaufen, werde ich garantiert nicht den gleichen Preis bekommen wie Ender.
Mit leeren Händen fahre ich also mit dem Zug zurück nach Suzhou. Im Gegensatz zur Hinfahrt, bei der wir für 5 DM ein schönes 1.Klasse-Abteil für uns hatten, müssen wir diesmal in die 2. Klasse, die natürlich total überfüllt ist, dafür aber nur 2,- DM (!) für die 95 km nach Suzhou kostet. Mit dem Rauchverbot im Nichtraucherwagen nehmen es die Chinesen während dieser Fahrt nicht so genau, weswegen sie sich den Unmut von Birgit und Ender zuziehen, die die Chinesen ständig auf das Nichtrauchersymbol aufmerksam machen, was allerdings nicht immer von Erfolg gekrönt ist.
Nach 1,5 Tagen bin ich von Shanghai echt beeindruckt. Ich hätte vorher nur New York zugetraut, mich derart zu begeistern, wie es Shanghai getan hat. In meinen Reiseführern steht, dass Shanghai die einzige chinesische Stadt sei, die Weltstadtniveau hätte (außer Hongkong). Ich weiß zwar nicht, ob andere chinesische Städte vielleicht doch dieses Niveau haben, dafür kann ich aber bestätigen, dass Shanghai es auf jeden Fall hat. Auch Berlin kann trotz seiner Größe und seiner politischen Bedeutung einfach nicht dieses Weltstadtflair bieten, wie es Shanghai kann.

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