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Do, 03.01.2002

Die Hinreise fängt schon mal gut an! Ich habe auf dem Flug von Frankfurt nach Amsterdam einen der seltenen Plätze in einer Boeing 737 bekommen, die direkt an einem Notausgang sind. Um die Nottür öffnen zu können, fehlt der Sitz unmittelbar vor mir, was für mich unendliche Beinfreiheit bedeutet. Abflug ist um 11:30 Uhr, 35 Minuten später als vorgesehen, für Frankfurt also pünktlich. Da der Sitz am Notausgang logischerweise ein Fensterplatz ist, hänge ich während der 55 Minuten Flug fast nur am Fenster, was allerdings nicht daran liegt, dass dies mein erster Fensterflug wäre, ganz im Gegenteil. Der Grund ist vielmehr, dass mich Schnee und verschneite Landschaften faszinieren (was man an den Winterbildern aus Johannesberg unschwer erkennen kann) und an diesem Tag liegt nun mal jede Menge Schnee zwischen Frankfurt und Amsterdam.

In der Boeing 747 in Amsterdam setzt sich mein Glück fort. Ich habe im Mittelteil der 747 den zweiten Platz von links, allerdings bleibt der Sitz links neben mir frei. Genau diesen Platz reiße ich mir nach dem Start sofort unter den Nagel. Statt links und rechts eine Person zu haben und die Armlehnen teilen zu müssen, habe ich nun links (der Gang) und rechts (der freie Sitz) ca. 50 cm Platz und muss keine Armlehnen teilen.

Der Flug dauert 10 Stunden und führt mich über Deutschland, Dänemark, Estland, Russland und die Mongolei nach China.

19:25 Uhr MEZ, meine erste Begegnung mit Essstäbchen (scheiß Rechtschreibreform) außerhalb Europas. Sie kommt für mich viel früher als erwartet, nämlich über dem asiatischen Teil Russlands oder schon über der Mongolei. Wie schon bei der ersten Mahlzeit wird Europäisches und Asiatisches angeboten: es gibt Nudeln im Plastikbecher (so eine Art Fertigterrine) für die Asiaten und ein kleines Becherchen Vanilleeis für die Europäer - warum es für die einen eine echte Mahlzeit und für die anderen eine winzige Nachspeise gibt, ist mir unerklärlich. Da es in Europa halb acht abends ist und es noch kein Abendessen gab, bin ich entsprechend hungrig und deswegen fest entschlossen, die Nudeln zu nehmen. Als ich der hübschen, blonden Stewardess beim Verteilen zuschaue, fällt mir aber auf, dass von den Europäern kein einziger die Nudeln wählt - und das mit gutem Grund: es werden nur Stäbchen dazu ausgeteilt! Um sich wohl nicht vor den Asiaten zu blamieren, nehmen also alle brav das mit einem Löffel verteilte Eis - egal ob hungrig oder nicht. In der naiven Annahme, Europäer könnten ja auch eine Gabel bekommen, bestelle ich also die Nudeln - und bekomme natürlich Stäbchen dazu. Noch bevor ich mich dazu überwinden kann, den schon vorher bereit gelegten Satz "May I have a fork, please?" anzubringen, geht die Stewardess weiter und ich sitze da nun mit meinen Nudeln - rechts von mir ein Chinese und links von mir gleich drei. Da zahlt es sich plötzlich aus, dass man als Kind beim Chinesen unbedingt mit Stäbchen essen wollte und es sich von der Bedienung damals hat zeigen lassen. Um auf Nummer sicher zu gehen, starre ich noch mal ganz unauffällig nach rechts und links den Chinesen auf die Finger, um dann heldenhaft meine Stäbchen aufzunehmen und die Nudeln zu essen. Beim "auf-die-Finger-starren" fiel mir schon eine erste interessante Sache auf. Was früher als Kind beim Spaghettiessen unter Strafe stand, ist bei den Asiaten vollkommen normal: die Nudeln mit dem einen Ende in den Mund zu schieben und anschließend hochzuschlürfen.

Um 5:30 Uhr Ortszeit gibt es Frühstück. Dummerweise ist es in Deutschland um diese Zeit 22:30 Uhr und genauso ist mein Magen auch eingestellt. Na ja, hilft alles nichts, ich hab' Hunger (wenn auch nicht auf Frühstück) und weiß außerdem nicht, wann ich in einem Land, in dem ich nur "ja", "nein", "danke", "links", "rechts" und "geradeaus" in der Landessprache sagen kann, die nächste Mahlzeit zu mir nehmen werde. Der (wie ich vermute) chinesische Teil des Frühstücks ist warm und - wie im Flugzeug üblich - in einer Alu-Schale mit Alu-Folie eingepackt. Nach dem Abziehen der Alu-Folie finde ich zwei unappetitlich aussehende Breihäufchen in der Schale. Obwohl noch Joghurt, 8 Stückchen Obst und Brötchen mit Marmelade dabei sind, entschließe ich mich dazu, die Häufchen zu probieren. In den nächsten 3 Monaten werde ich das schließlich noch sehr oft machen müssen, da kann ich auch heute schon mal damit anfangen. Der erste Haufen ist relativ geschmacksneutral, der zweite ist von einer ekelhaften Konsistenz und genauso schmeckt er auch. Erste negative Erfahrung mit chinesischem Essen - noch bevor ich chinesischen Boden betrete. Na ja, liegt vielleicht auch am generell schlechten Flugzeugessen, ich lasse mich (noch) nicht unterkriegen.

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